Lebensmittelspenden

Marktdesign für die Tafeln

Tafeln sind gemeinnützige Hilfsorganisationen, die kostenlos Mahlzeiten für Bedürftige zur Verfügung stellen. Das erfolgreiche Modell ist mit mehr als 50.000 ehrenamtlichen Helfern/-innen und zirka 1,5 Millionen versorgten Bedürftigen pro Jahr eine der größten sozialen Bewegungen in Deutschland. Allerdings hat der Aufnahmestopp der Essener Tafel Anfang des Jahres – neben einer kontroversen Diskussion über die angemessene Rationierung der Spenden – insbesondere die Versorgungsengpässe deutlich gemacht, über die viele Tafelleitungen berichteten. Ein Blick in die USA zeigt, wie mit einer einfachen Maßnahme nicht nur die Zuteilung von Lebensmittelspenden effizienter gestaltet, sondern auch das Angebot an Spenden gesteigert werden kann.

Dass Tafeln in Deutschland mit Versorgungsengpässen zu kämpfen haben, liegt zum einen an der stetig steigenden Nachfrage – unter anderem im Zuge der Flüchtlingswelle –, zum anderen aber auch am Rückgang der Spenden, da Supermärkte immer besser den tagesaktuellen Bedarf an frischen Lebensmitteln prognostizieren können.

In den USA bezieht die drittgrößte gemeinnützige Organisation des Landes, Feeding America (FA), Großspenden in Form von LKWs voller Produkte von großen Händlern und Lebensmittelherstellern und verteilt diese auf etwa 210 regionale Tafeln. Solche Großspenden machen allerdings nur einen Teil der Spenden aus. FA verteilt also ohne die lokalen Kleinspenden von Bäckern und Supermärkten zu kennen. Dadurch werden die wahren Bedürfnisse der Tafeln nur unzureichend berücksichtigt, da es sich hier um Informationen handelt, die meist nur den Tafeln selbst vorliegen. Aufgrund dieser Informationsasymmetrie war es für FA schwierig, einerseits Lebensmittelverschwendung zu vermeiden und andererseits zu verhindern, dass Lebensmittelspenden entsorgt werden müssen – ein offensichtliches Anliegen der Großspender.

Um die Informationsprobleme bei der Lebensmittelverteilung zu lösen, bildete FA eine Arbeitsgruppe aus Leitern regionaler Tafeln und Ökonomen/-innen der Universität Chicago. Die Ökonomen/-innen schlugen einen (besonderen) Marktmechanismus vor und zwar: Spielgeld an Tafeln zu vergeben und sie damit die gespendeten Lebensmittel ersteigern zu lassen. Die Auktionspreise können das Informationsproblem lösen, indem sie anzeigen, wie sehr die Tafeln verschiedene Produkte wertschätzen. Um sicherzustellen, dass die bedürftigsten Tafeln mit dem größten Einzugsgebiet die meisten Lebensmittel bekommen, erhalten diese Tafeln mehr Spielgeld nach einem festgelegten Verteilungsschlüssel in Abhängigkeit des Einzugsgebiet und der Armutsquote.

Neuer Marktmechanismus für zielgerichtete Spenden

Im verwendeten Verfahren hat FA eine Onlineplattform geschaffen. Jeden Tag loggen sich mehr als 200 Tafeln aus ganz Nordamerika auf einer Website ein, auf der tagesaktuell Lebensmittelangebote veröffentlicht werden – durchschnittlich 30 bis 40 Angebote pro Tag – und nehmen an bis zu zwei Auktionen teil. Dabei bieten sie mit Spielgeld, das morgens ausgegeben und um Mitternacht nach dem gleichen Verteilungsschlüssel wieder neu verteilt wird. Durch die Beobachtung dieser künstlichen Preise erhält FA Informationen darüber, welche Arten von Lebensmitteln besonders gefragt sind (Müsli, Nudeln und Reis) und eher weniger (Obst und Gemüse, Milchprodukte und Softgetränke). Die Preise weichen oft sehr stark von den im Supermarkt beobachtbaren Preisen ab. So kostet ein Kilogramm Obst im Supermarkt ein Vielfaches von einem Kilogramm Nudeln. Allerdings haben Nudeln einen höheren Nährwert, sind länger haltbar und werden damit auch seltener lokal gespendet. Diese Informationen waren entscheidend für FA, um zielgerichtet neue Spenden zu akquirieren. Das Angebot an gespendeten Lebensmitteln stieg mit der Einführung des neuen Systems von 125 auf 175 Millionen Kilogramm pro Jahr an.

Die auf diese Weise neu organisierte Verteilung von Lebensmittelspenden ist ein Beispiel dafür, wie Fortschritt in Technik, Wissenschaft und Forschung dazu geführt hat, dass Märkte immer besser und individueller gestaltet werden können – und somit für gelungenes Marktdesign.

Der Artikel in voller Länge ist im Erscheinen in der Zeitschrift Wirtschaftswissenschaftliches Studium. Dieser Beitrag ist zuerst am 18. Mai 2018 auf dem Portal Ökonomenstimme erschienen. Die Welt am Sonntag hat das Thema in dem Artikel Kann das „Prinzip Ebay“ die Tafeln retten? aufgegriffen.

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